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Copyright:  Gerd Rasquin - Mai 2008, letztmalig bearbeitet im Oktober 2016

 

 

 

 

 

 

Großer Pachthof (Textgrafik)

 

Pachthof vom Bauerberg aus gesehen  Suedseite des Großen Pachthofs

 

 

Auf der Ostseite des Bauerbergs lag bis zum Fliegerangriff am frühen Morgen des 28. Juli 1943 dieses große Hofgebäude.

 

 

Erstmalig urkundlich erwähnt wurde die Ortsbezeichnung "Horn" im Jahre 1306, als der Ritter Heinrich von Wedel seinen Hof an das "Hospital zum Heiligen Geist" übertragen ließ, den er einst vom Hamburger Domherrn Siegfried von Herslo (†7.10.1303) erworben hatte. Somit steht fest, dass es schon im 13. Jahrhundert einen Hof in Horn gab. Wo der aber genau gelegen hat, lässt sich nur vermuten. Höchstwahrscheinlich auf dem Geestrücken und nicht auf Höhe der flutgefährdeten Marsch. Man darf also annehmen, dass die heutige Straße "Bauerberg" seinerzeit als kleiner Sandweg zu diesem Areal mit seinen Baulichkeiten hinaufführte.

 

Über Pächter und Bewohner ist bis 1464 nichts bekannt. In jenem Jahr verkaufte das Hospital den Hof aber an die reiche Bauernfamilie Soltow (Soltau), die jahrhundertelang auch in Jenfeld Geschichte schreiben sollte. Dort ist erstmals 1492 ein Henning Soltow urkundlich nachweisbar. Aus ihrem umfangreichen Besitz verpachteten und verkauften die Soltaus auch immer wieder Ländereien.

 

Eins dieser Areale hatte Willem Boding erworben. Es lag am Südrand der heutigen Horner Landstraße, vermutlich Höhe Letzter Heller. Vom 17.6.1531‒†2.1.1552 gehörte es dann Jochim Salßborg und noch bis 1568 seiner Ehefrau Margarethe. Die Erben verkauften den Hof an Ulrich Winckel (1527–15.9.1594), seit 1562 mit Anna Lüchtemaker verheiratet. Von seinen zwölf Kindern übernahmen Ulrich (30.10.1575–15.2.1649) und Johann den Hof. Ulrich war von 1624 bis zu seinem Tod Hamburger Bürgermeister. Erben der Familie Winckel teilten den Hof am 16. März 1661 in zwei Katstellen.

 

Bereits 1615 hatten die Soltows ihre zwei Höfe in Horn an die Stadt Hamburg verkauft. Zwei Jahre später ließ der mecklenburgische Adlige Albert Brämbse acht Häuser und vier Scheunen Horns niederbrennen, um sich am Leiter des Hamburger Domkapitels Dekan Hinrich Pommert zu rächen, der über ihn den Kirchenbann ausgesprochen hatte. Da es derzeit in Horn wohl nur 15 Gebäude gab (siehe Karte von 1600), wird das Dorf vermutlich völlig zerstört worden sein. Im Jahre 1622 kam dann ein Kontrakt zustande, in dem das "Hospital zum Heiligen Geist" alles Land außerhalb des Millerntors der Stadt überließ und dafür den ehemaligen Grundbesitz der Familie Soltow in Horn erhielt, der fortan in Form zweier Pachthöfe bewirtschaftet wurde. Zusätzlich zahlte die Stadt eine jährliche Rente von 1500 Mark Courant und erhielt 24 Wispel Roggen. Er seit jener Zeit gibt es den Begriff "Pachthof" in Horn.

 

 

Flurkarte von 1751
 Scheune des Großen Pachthofs

 

Im April 1926 malte Hermann Haase die alte Scheune, im 17. und 18. Jahrhundert das Hauptgebäude auf dem Großen Pachthof.

Auf der Flurkarte von 1751 ist sie südlich des mittleren Teichs zu sehen, noch aber nicht das am Bauerberg stehende Hofhaus.

 

                  

Alle auf der obigen Flurkarte eingezeichneten Gebäude sind nach 1663 entstanden, denn nachdem ein in jenem Jahr errichtetes Hofhaus an der Horner Landstraße Nr. 108/110 am 25. August 1909 abgebrannt war, sprach man vom ältesten noch erhaltenen Bauernhaus Horns.

 

Über die Pächter seit 1622 wissen wir bislang nichts, nur dass das gesamte zu den Pachthöfen gehörende Areal reich begrünt war. Am 6. Januar 1805 zählte Waldvogt Brinckmann 8 Bäume im Garten sowie 5 Buchen und noch 96 Eichen auf der Koppel, obwohl die Oberalten am 28. April 1796 im Maria-Magdalenen-Kloster bereits 80 Eichen öffentlich an den Meistbietenden verkauft hatten. Schon am 9. September 1806, zwei Monate bevor napoleonische Soldaten das Dorf für sieben Jahre besetzten, konnte eine weitere öffentliche Auktion über 55 Eichen stattfinden, die 357 Mark Courant und 8 Schillinge erzielte.

 

Seit mindestens 1796 war J.C.H. Barckhan Hofpächter, seit 1813 dann Heinrich Johann Rosenau. Nachdem der am Bauerberg gelegene kleine Wohnteil 1831 abgebrannt war, entstand 1835 ein großer Fachwerkbau, den der Hamburger Stadt-Baumeister Carl Ludwig Wimmel entworfen hatte. Das Gesamtgebäude besaß jetzt eine Grundfläche von 140 mal 55 Fuß (40,11 mal 15,75 Meter). In einem vermutlich 1846 errichteten Häuschen zwischen Hofgebäude und den Teichen betrieb Rosenau bis zu seinem Tod im Jahre 1849 eine Spiritusfabrik. Die Witwe zog an die Hammer Landstraße Nr. 31. Wer den Hof anschließend pachtete ist bislang noch nicht erforscht. Die jährliche Pacht hatte des Hospital zum Heiligen Geist aber von 900 auf 1000 Mark erhöht.

 

Im Jahre 1866 zog P.P.F. von Grzeskewitz von der Steinstraße Nr. 3 hierher, wo er ein Photographen-Atelier besaß (ab 1869 wohnte er an der Hammer Landstraße Nr. 195). Nach ihm kam der Kaufmann Hermann Bernhard Röhlig und von 1872–1874 der Präturbeamte E.H.J. Brügmann. 1875 mietete sich Zimmermeister J.J.A. Zimmer aus St. Georg ein, doch schon 1876 der Gewürzwarenhändler G.A. Zincke. Hinten war im selben Jahr der Stellmacher Wilhelm K.F. Ungnade eingezogen. Nachdem Zincke 1879 an die Henriettenallee Nr. 9 gezogen war, mietete Schulvorsteher Carl Gottschalck die Wohnung, zog aber 1892 an den Horner Weg. Er besaß eine Lehranstalt an der Langenreihe in St. Georg.

 

Am 21. Juli 1881 hatte das Hospital zum Heiligen Geist den Pachthof an Hamburg verkauft. Das Areal war nun eine Staatsdomäne.

 

Ab Januar 1891 gab es am Bauerberg neue Hausnummern. Bislang Nr. 25 erhielt der Große Pachthof nun die Nr. 20.

 

Im Frühjahr 1892 übernahm Landwirt Johann Heinrich von Drateln (1862–1915) aus Wilhelmsburg die 88 Hektar große Staatsdomäne. Er kam mit Ehefrau Emma Catharina (1865–1947) und zwei kleinen Söhnen nach Horn. Einer war fünf Jahre alt, der andere vor kurzem geboren.

 

Am Südrand des Hauses verlaufend, legte man 1894 den "Kirchenstieg" an. Diesen kopfsteingepflasterten kleinen Weg, der zum Hofbereich mit den Fischteichen und weiter zur Martinskirche führte, säumten zehn gleichmäßig gepflanzte, wohl seinerzeit schon über einhundert Jahre alte Linden.

 

Alljährlich zur Derbyzeit wurden in den Scheunen Horns Pferde einquartiert, denn die Rennbahn hatte seinerzeit noch keine eigenen Stallungen. Vor allem Jockeys und Pferdebesitzer schätzten das "Haus am Bauerberg" mit seiner Gastfreundlichkeit und besten Bedingungen, denn hier konnten bis zu 38 Rennpferde untergebracht werden. Im Wirtschaftsgebäude gab es nämlich nicht nur Stallungen, sondern noch zusätzliche Boxen auf der Diele und die war so groß, dass acht Ernteleiterwagen Platz fanden. Als 1895 das einquartierte Pferd "Impuls" Derbysieger wurde, war die Freude der von Drateln und ihrer zahlreichen Freunde und Gäste natürlich riesengroß. Weitere auf dem Pachthof beherbergte Derbysieger waren Trollhetta (1896), Flunkermichel (1897), Tuki (1901) und Sieger (1908).

 

Blick von Nordosten auf den Hofbereich mit den Fischteichen   Vergleichsfoto von 1998

 

Vom Weg zur Pagenfelderstraße blicken wir um 1912 auf die Nordostseite mit dem Hofbereich (rechts ein Foto von 1998)

 

Ein Schmuckstück war der von einem Gärtner gepflegte Park mit idyllischen Fischteichen, jahrhundertealten Eichen, einer besonders schön gewachsenen Blutbuche und einer Esche, deren Blätterdach so dicht war, dass man selbst bei strömendem Regen nicht nass wurde. Viele Verwandte und Bekannte verbrachten ihre Ferien auf dem romantischen Hof, der irgendwie immer noch an die Horner Dorfzeit erinnerte.

 

Mit dem Ersten Weltkrieg jedoch endeten die glücklichen Jahre der Pächterfamilie. Sohn Hermann (29.2.1892–19.9.1914) fiel gleich am Anfang und Heinrich (27.1.1886–17.12.1915) im Jahr darauf, eine Woche vor Heiligabend. Nachdem auch der Vater im Jahre 1915 gestorben war, führte die Witwe Emma Catharina den Hof weiter, tatkräftig unterstützt von den Kindern Emma und Hans, die 1896 bzw. 1907 geboren worden waren. Nach ihrer Heirat 1922 verließ Tochter Emma das Anwesen, und im Jahr darauf wurde der landwirtschaftliche Betrieb aufgegeben. Wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Notlage nach dem verlorenen Krieg parzellierte man die alten Agrarflächen zu Kleingärten. Mutter und Sohn Hans verblieben nur noch Hofgebäude und Park.

                                  

 

Vom Hofbereich geht der Blick 1925 auf das Hauptgebäude mit der "Grootdör". Links verläuft der 1893 gepflasterte sogenannte

"Kirchenstieg" in Richtung Bauerberg. Er führte nicht nur zur Scheune und den Fischteichen, sondern auch zur Martinskirche.

 

Das Ende des Großen Pachthofs kam am 28. Juli 1943. Alles war schon für den 80. Geburtstag der Mutter vorbereitet, als kurz nach 1 Uhr morgens Fliegerbomben einschlugen. Aus der Küche als Behelfsschutzraum konnte sich Hans von Drateln mit seiner Familie nur retten, weil die Lindenreihe den starken Funkenflug abhielt und somit einen Fluchtweg ermöglichte. Der strohgedeckte Wirtschaftsteil brannte ab und auch das Wohngebäude wurde schwer beschädigt. Die Familie erhielt eine Notunterkunft im Barmbeker Krankenhaus, wo Hans von Drateln tätig war.

 

Die parzellierten Kleingärten um den Pachthof bebaute man nach und nach mit 14 Behelfsheimen als Notunterkünfte für ausgebombte Familien, doch es dauerte noch Jahre, bis der „Von-Drateln-Park“ für die Bevölkerung wieder zugänglich gemacht und begrünt werden konnte.

 

1950 wurde die ausgebrannte Ruine des Großen Pachthofs abgebrochen und auf den alten Grundmauern ein Gebäude errichtet, das dem alten stilistisch ähneln sollte. Diese Aufgabe war dem Architekten Richard Fromm übertragen worden. In der ersten Etage sowie im Dachgeschoss gab es Wohnungen, im Parterre rechts einen Ladenbereich und am 7. Dezember 1951 konnte das Kino Derby-Lichtspiele feierlich eröffnet werden.

 

Eine notwendige Grundwasserabsenkung Mitte der 1950er Jahre führte schließlich zur Austrocknung der einst idyllischen Fischteiche.

 

Doch was ist aus der Familie von Drateln geworden? 1947 starb Emma Catharina von Drateln. Ihre einzige Tochter Emma, verheiratete Hintz, lebte noch in den 1970er Jahren im Stadtteil Hamm, am Curtiusweg Nr. 14. Bruder Hans war 1950 an die Moltkestraße Nr. 45a gezogen. Zuletzt wohnte er als Pensionär am Steenwisch Nr. 10, wo er 1967 verstarb. Den ersten seiner zwei Söhne hatte er 1925 Hermann genannt, zu Ehren des im Ersten Weltkrieg gefallenen Bruders. Doch auch dieser Hermann fiel 1944. Er wurde nur 19 Jahre alt…


Link zur Horn-Chronik