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Gerd Rasquin,  November 2011 - ergänzt am 21. Juni 2015

 

 

Die Geschichte der Kate "Rauhes Haus"

 

 

Seit alten Zeiten führte ein schmaler Geesthangweg vom westlichen Dorfrand schräg hinauf zum Ackerland, dem Großen Kamp. Im Volksmund nannte man ihn "Hohlerweg", eine bis zum 30. September 1899 auch offizielle Bezeichnung.

 

Erster uns bekannter Grundeigentümer links und rechts dieses Weges war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Landwirt Henrich Schröder. Er und seine Nachkommen bewirtschafteten bis zum 21. April 1760 einen Hof unten am Heerweg (später Horner Landstraße Nr. 110), der anschließend von Hinrich Rücker (21.6.1721–21.10.1809) erworben wurde und seit dem 8. September 1789 bis zum 30. April 1927 der Bauernfamilie Krogmann gehörte.

 

Die Strohdachkate oben am Geesthang ist schon auf einer Landkarte vom 21. Mai 1745 eingezeichnet, doch war sie mit Sicherheit erst nach 1663 errichtet worden. Nachdem nämlich am 25. August 1909 das Hofhaus von Krogmann durch ein Feuer vernichtet wurde, beklagte man den Verlust des ältesten Horner Bauernhauses. Laut Balkeninschrift stammte es aus dem Jahre 1663.

 

Die kleine Kate könnte ein Brinksitz gewesen sein. Das waren Häuser mit kleinem Grundstück am dörflichen Außenbereich, meist bewohnt von zweit- und nächstgeborenen Bauernsöhnen, die ihren Lebensunterhalt als Handwerker oder Tagelöhner bestreiten mussten, weil es für sie auf den elterlichen Höfen keine bezahlbare Arbeit gab. Zudem waren sie weitgehend rechtlos, durften kaum Land und auch nur eine Kuh besitzen.

 

Es wird wohl die Lage auf dem Geestrücken gewesen sein, warum alle Dorfbewohner die abseits gelegene Kate "Rauhes Haus" genannt haben, denn bis 1834 war das Areal der späteren Anstalt noch ein baumloses Feld, wie Wichern anfangs beschrieb. Wenn in kühleren Jahreszeiten starke Winde über die stets feuchte Marsch fegten, war das Strohdachhaus nicht gerade ein gemütlicher, sondern eher "rauher" Ort.

 

Der oft gelesene Name "Ruge’s Hus" geht hauptsächlich auf den Arzt, Juristen und Familienchronisten Georg Hermann Sieveking (21.6.1867–6.2.1954) zurück, der 1899 das Buch "Die Geschichte des Hammerhofes" publiziert und zur Bezeichnung "Rauhes Haus" Überlegungen angestellt hatte, die er schon im Jahresbericht 1843 der Rettungsanstalt fand. Davon ausgehend, dass im Horn des 18. Jahrhunderts plattdeutsch gesprochen wurde und "rauh" gleich "ruge" wäre, ließ man "Ruge’s Hus" entstehen, einen vermeintlich vor langer Zeit hier lebenden Hausbewohner. Auch wollte Sieveking einer alten Hornerin begegnet sein, die meinte mal gehört zu haben „dass dat Hus een Pracherharbarg (Bettlerherberge) war, eh de Sonderling Ruge dat har“. Daraufhin hatte Sieveking die Kirchenchronik des Pastors Hieronymus Ernst Hintz (1728–1793) durchgelesen, in der alle in Hamm und Horn konfirmierten Kinder erwähnt wurden, so auch im Jahre 1761 die achtzehnjährige Sara Helena Rugen. Doch was bedeutete das schon...

 

Hätte er sich doch die Mühe gemacht, alle Tauf-, Heirats- und Leichenregister der seit 1693 existierenden "Ham und Hörner Kirche zur Heiligen Dreyfaltigkeit" durchzulesen. Hier jedoch taucht kein Ruge, Rauh oder Rauhe auf. Welche Menschen allerdings die Bauernkate bis Ende des 18. Jahrhunderts bewohnt hatten wird wohl ewig ein Rätsel bleiben.

 

Für mich beginnt ihre Geschichte erst 1764 mit Jacques de Chapeaurouge (4.5.1744–16.1.1805) aus Genf, wo sein Vater Ami drei Jahre zuvor gestorben war und Ehefrau Anna Elisabeth mit ihren vier Söhnen und zwei Töchtern in nicht gerade glänzender finanzieller Lage zurückgelassen hatte. Der älteste Bruder Jean Gaspard (†1807 in Messina) hatte sich früh von der Familie abgewandt, und so musste sich Jacques als zweitältester um die Familie kümmern. Im Genf der damaligen Zeit ließ sich jedoch kaum Geld verdienen. Mit „einem Louisdor in der Tasche“ zog es ihn deshalb im September 1764 ins ferne Hamburg, wo er im Handelshaus Diodati & Poppe auch gleich eine lohnende Anstellung fand und vier Jahre später sogar Teilhaber wurde. Am 8. Februar 1769 heiratete er Marie Elisabeth Hadorne (22.8.1752–5.2.1793), erwarb im selben Jahr das Hamburger Bürgerrecht und wandte sich dem ihm lukrativer erscheinenden Reedereigeschäft zu. Am 4. Januar 1770 wurde ihr erstes Kind geboren, das sie Jean Dauphin nannten (†26.1.1827), am 11.2.1772 kam dann Suzanne zur Welt (†26.12.1804), am 24.8.1773 Corneille Guillaume (†3.2.1819) und am 18.3.1778 Amélie (†24.8.1826). 

 

Anfangs wohnte das Ehepaar an der Langen Reihe in St. Georg, doch bald war soviel erspart, dass Chapeaurouge am 10. Juni 1773 ein Landstück in der Dorfschaft Hamm erwerben konnte, das er mit einem villenartigen Wohnhaus bebauen ließ. Hier wohnte die Familie in der wärmeren Jahreszeit, sonst aber in der Stadt. Seit 1774 besaß man eine Wohnung am Neuen Wall, zog aber 1788 in eine größere am Neuen Wandrahm Nr. 90 C.7.

 

Jacques (auch Jacob genannt) wurde so wohlhabend, dass er weitere Ländereien erwerben konnte: Am 11. Oktober 1794 für 9.600 Mark Courant das Barth’sche Land* mit Strohdachkate ("Rauhes Haus") sowie vom Landmann Jacob Krogmann für 6.000 Mark die westlich angrenzende kleine Koppel. Im Jahr darauf vermerkte das Grundbuch: „Anno 1795, den 9. Juni sind 5 Stücke Geestlandes bey der hohlen Rönne, jetzt in einer Koppel bestehend, nebst Haus und Hof zu Sr. Jacobus de Chapeaurouges Gehöfte zugeschrieben“. Vom Bauernvogt Bostelmann erwarb er dann noch am 11. Oktober 1798 für 3.100 Mark die nördlich der Kate bis zum Horner Weg reichende Koppel mit Teich, und am 24. Oktober 1799 für 5.500 Mark das zwischen dem Hohlerweg und der Heerstraße liegende Flurstück Nr. 14. Hier, schräg gegenüber der Kate, ließ er im Jahre 1800 ein stattliches Landhaus errichten, das erst 1898 abgebrochen wurde.

*gehörte dem Hamburger Kaufmann Johann Friedrich Barth aus der Firma "Barth & Stade", nach seinem Tod der Ehefrau, die

 

Nach dem Senior Jacques de Chapeaurouge 1805 auf einer Reise in die Schweiz an einem Schlaganfall gestorben war, kam es zur Teilung des Gesamtbesitzes. Sohn Jean Dauphin (Johannes) erhielt den Stammhof in Hamm, sein Bruder Corneille Guillaume (Cornelius Wilhelm) das Horner Landhaus mit umliegenden Flurstücken, so auch die auf sechs Morgen Landes stehende Kate "Rauhes Haus". Seit der Zerstörung des "Hammer Hofs" durch napoleonische Soldaten im Januar 1814 hatte die Familie de Chapeaurouge in der Schweiz gewohnt. Am 1. April 1815 traf sie wieder in Hamburg ein und lebte fortan im traulichen Horner Landhaus, das Cornelius Wilhelm am 2. August 1816 seinem Bruder überschrieb, weil er für immer in Genf leben wollte. Somit war nun Johannes Eigentümer der Horner Flurstücke, was auch die Dorfkarte von 1826 ausweist.

 

Im April 1793 hatte er Dorothea Elisabeth Glashoff (3.5.1776–26.9.1828) geheiratet und 1799 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Corneille Guillaume sowie zwei Schwägern die Handelsfirma "De Chapeaurouge & Co." gegründet. Von 1811 bis 1813 war er sogar "Erster Stellvertretender Bürgermeister Hamburgs". Seit 1815 verbrachte de Chapeaurouge geschäftlich viel Zeit in Paris und beide Söhne blieben noch bis 1820 in Hofwyl bei Bern. Sie hießen Ami (1800–1860) und Philipp August (1803–1875). Sein erstes Kind war aber Caroline Henriette de Chapeaurouge (24.11.1797–12.3.1858).

 

Im Horner Landhaus lebten derzeit die zwei jüngeren Schwestern der Frau de Chapeaurouge und von 1817–1824 auch die Nichten Mathilde und Sophia Hüffel. Im Jahre 1818 ließ Johannes de Chapeaurouge den Hammer Hof wieder herrichten und mit einem schönen Landhaus bebauen.

 

Am 1.2.1823 heiratete seine Tochter Caroline Henriette de Chapeaurouge den Senatssyndikus Karl Sieveking (1.11.1787–30.6.1847). Ihr erstes Kind Johanne Elisabeth (2.6.1825–8.5.1894) erinnerte sich später, dass sie als kleines Kind im Horner Landhaus meist ein scharlachrotes Kleid trug und stets eine Schellenkette um den Hals, damit alle hören konnten, wo sie gerade spielte. Ihre Geschwister waren: Johannes Hermann (26.1.1827–21.6.1884), Ami Leopold (19.12.1828–27.10.1860), Philipp Jacob Karl (23.3.1830–7.8.1857), Sophia Carlota (20.10.1831–5.2.1918) und Caspar Peter Wilhelm Reinald (19.4.1833–8.4.1848).

 

Am 26. Januar 1827 starb Johannes de Chapeaurouge im Hause seines Schwiegersohnes in Neuilly-sur-Seine, einem westlichen Vorort von Paris, genau an dem Tag, als ihm in Hamburg mit Johannes Hermann Sieveking sein zweites Enkelkind geboren wurde. Am 26. September des folgenden Jahres starb auch seine Ehefrau. Am 27. Oktober 1832 erwarb Karl Sieveking die Kate nebst Grundstück. Weil man das Horner Landhaus am Hohlerweg nicht mehr benötigte, verkaufte man es am 11. November 1837 für 23.500 Mark an den Kaufmann Georg Heinrich Kaemmerer. Im März 1898 wurde es schließlich abgebrochen, um Platz für neue Wohnhäuser zu schaffen, die der neue Grundeigentümer Konrad Claus Feck errichten ließ.

 

Als Jacques de Chapeaurouge die alte Kate 1795 erworben hatte, könnte dort noch im selben Jahr Johann Friedrich Jannack (1760–1827) eingezogen sein, der erstmals in einem Grundbucheintrag von 1798 belegt ist. Der in Milkel bei Dresden geborene Sohn des Gärtners Johann Jannack und seiner Ehefrau Johanna Magdalena Lehmann (gestorben im Frühjahr 1814 an der Krankheit "Rote Ruhr"), kam um 1780 als junger Gärtnergehilfe nach Hamburg, wo er auf dem "Hammerhof" der Familie de Chapeaurouge eine Anstellung fand. Im Jahre 1790 hatte er Sophia Charlotte geheiratet, Tochter des Horner Schmiedemeisters Marcus Spiering, mit der er drei Töchter bekam.

 

Das Hamburger Adressbuch vermerkte Jannack erstmalig 1805 als "Handelsgärtner und Wild", im Jahr darauf zusätzlich auch noch als "Wirth". Warum sein Name aber zwischen 1810 und 1824 nicht mehr in den AB zu finden ist, bleibt rätselhaft. Allerdings wissen wir, dass er im Jahre 1816 erstmals als Mieter der Kate erwähnt wurde, nachdem Johannes de Chapeaurouge am 2. August jenes Jahres Grundeigentümer geworden war. Erst 1825 ist unter "Jannack" wieder Folgendes zu lesen: "Bäume-, Pflanzen- und Blumenhandlung in Horn, auch eine Niederlage (Ladengeschäft) in der Paulsstraße, vom Speersort links im zweyten Hause".

 

Im Jahre 1826 verwirklichte der Gärtner seinen lang gehegten Wunsch, unmittelbar nördlich seiner Wohnkate einen "Wintergarten" anzulegen. Der war in den feinen Kreisen Hamburgs bald so beliebt, dass sogar die Sonderseiten der Adressbücher schrieben: „Jannack’s Wintergarten besteht aus einem auf einer Anhöhe geschmackvoll angelegten schönen Garten, sowie einem 60 Fuß (17,19 m) langen Salon, der auf jeder Seite ein Gewächshaus von 50 Fuß (14,32 m) Länge hat. Hier findet man einen beachtlichen Vorrath schöner seltener Stauden und Blumen. Im Salon selbst sind Orange- und Citronen-Bäume von nicht gewöhnlicher Größe aufgestellt. Der Eindruck, den diese reiche, üppig prangende Vegetation in den Wintermonaten gewährt, ist überraschend, und verschafft dem freundlichen Locale, in welchem man sich überdies einer guten Bewirthung erfreuet, viele Besuche seitens der besseren Gesellschaft Hamburgs“.

 

Bereits wenige Monate nach Eröffnung seines "Wintergartens" starb Jannack am 20. Februar 1827 um 4.30 morgens. Die Kulturen übernahm der Gärtner Friedrich Ernst Liebold. Bis zum 16. Mai 1833 wohnten die Witwe Jannack und ihre Töchter im Haus, doch wie lange der Wintergarten noch existierte, ist nicht überliefert. Von 1828–1833 stand in den Adressbüchern nur: "Jannack, Geschwister, Bäume-, Pflanzen- und Blumenhandlung in Horn; Briefe und Bestellungen werden angenommen Steinstraße Nr. 10 bei Herrn Henckel, im Bergedorfer Hause."

 

Die Jannacks waren dann ins benachbarte Hamm gezogen, was aus den Personenverzeichnissen der Adressbücher von 1834–1836 hervorgeht: "Jannack, J.F. Erben, Bäume-, Pflanzen- und Blumenhandlung in Hamm; Briefe und Bestellungen werden angenommen Mühlenbrücke Nr. 15 bzw. Großer Burstah Nr. 32 in deren Niederlage". Das Geschäft in Hamm hatte Gärtner Liebold 1835 an Johann Friedrich Frehse übergeben, unter dessen Leitung es aber ein Jahr später in Konkurs ging und am 6. November an einen Bauunternehmer verkauft wurde.

 

Im Jahre 1833 stiftete Senatssyndikus Karl Sieveking sein Horner Flurstück mit der alten Kate, die westlich und südlich umsäumt und laubüberdacht war von elf einst in gleichen Abständen gepflanzten Linden. Am 29. April hatte Sieveking den Ort in einem Brief wie folgt beschrieben: „Neben der Kate steht ein Schauer sowie ein gut erhaltenes Gewächshaus. Der Brunnen beim Haus ist überschattet vom schönsten Kastanienbaum der Gegend. Auch gibt es eine Eisgrube und nur wenige Schritte entfernt einen Fischteich. Ausreichende Selbstversorgung garantiert der große Garten. In der alten Kate leben noch die Witwe Jannack und ihre Kinder, die aber bis Himmelfahrt 1833 ausziehen wollen.“

 

Die Stiftung "Das Rauhe Haus" wurde am 12. September 1833 in der Hamburger Börsenhalle gegründet. Der damals 25-jährige Theologe Johann Hinrich Wichern (21.4.1808–7.4.1881) hatte führende Hamburger Politiker und Kaufleute davon überzeugen können, dass es für verwahrloste und verwaiste Kinder aus den Elendsvierteln nur eine Hoffnung gibt: Ein "Rettungsdorf" vor den Toren der Stadt.

 

Zum 1. November zog er mit seiner Mutter Caroline Maria Elisabeth und Schwester Julie Therese (2.9.1814–16.1.1879) in die recht heruntergekommene Kate. Am 8. November folgten die ersten drei Knaben aus der Hamburger Vorstadt St. Georg. Das Elend dort hatte Wichern als Sonntagsschullehrer kennengelernt.

 

Als am 20. Juli 1834 mit dem "Schweizerhaus" das zweite Gebäude eingeweiht werden konnte, notierte Wichern in einer Arealbeschreibung: „Zwischen beiden Häusern etwas Gartenland, sonst leere Felder, kein Baum, kein Strauch bis dahin daraufgepflanzt.“

 

Im Sommer jenes Jahres war auch der Bäckergeselle Josef Baumgärtner zu Fuß von Basel nach Hamburg gegangen, um Wichern als erster Gehilfe und Betreuer einer Knabenfamilie zur Hand zu gehen, wofür er 100 Mark Taschengeld bei freier Kost und Logis pro Jahr erhielt. Er blieb bis 1837.

 

Am 28. Juli 1943, kurz nach 1 Uhr morgens, wurde die alte Kate "Rauhe Haus" von einer Fliegerbombe getroffen und brannte völlig aus. Erst 1979 entstand ein als Museum und Tagungsstätte dienender Nachbau, dem man 1983 sogar eine Briefmarke widmete.

 

In der Nacht vom 15. auf den 16. September 2003 sorgte ein später gefasster Brandstifter für schwere Schäden, doch alle historisch wertvollen Gegenstände aus dem Wichern’schen Familienbesitz konnten glücklicherweise gerettet werden. Bereits am 10. September 2004 erstrahlte das historisch nachempfundene Bauernhaus wieder im neuen Glanz.