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                                Copyright:  Gerd Rasquin  -  Dezember 2007, zuletzt aktualisiert im Januar 2017.

 

 

 

 

Letzter Heller (Textgrafik)

Grenze, Tierpark, Endstation und Volksvergnügen!

 

 

 

 

Das Leben der Horner Bevölkerung vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert war alles andere als romantisch: Mühsame Alltagsarbeit, fehlende medizinische Versorgung, hohe Kindersterblichkeit und tristes Leben in dunkler Jahreszeit, denn Kerzenbeleuchtung konnte sich kaum jemand leisten. Auch Brennholz war teuer und durfte nur nach Genehmigung des Waldvogts anlässlich besonderer Feste geschlagen und gesammelt werden. Alltägliches Brennmaterial für die Küche musste der Hof hergeben. Da wird verständlich, warum sich Kneipen, Wirtshäuser und Lokale schon immer großer Beliebtheit erfreuten. In gemütlicher Enge war es hier wärmer als zuhause, konnten Dorfbelange beredet, neueste Informationen ausgetauscht werden. Am belebten Heerweg (Horner Landstraße) traf man auch auf Durchreisende, Händler und Kutscher, die sich vor Anbruch der Nacht noch schnell einquartierten. Wer des Nachts wieder heim musste, hatte in mondhellen Nächten kein Problem. War es aber dunkel, mussten Handlaternen oder Fackeln die holperigen Sandwege erhellen, denn erst ab 1864 säumten Gaslaternen die Straßen.

 

Eine echte Grenze besaß Horn seit 1460, als Holstein dänisches Herzogtum wurde. Man darf zu Recht vermuten, dass am Weg nach Billwärder schon bald darauf ein Gasthaus eröffnete, denn die Landstraße war der einzige Weg, um von Hamburg aus östliche und südliche Gebiete Europas erreichen zu können. Jahrhundertelang überquerten Pferdefuhrwerke die Elbe kurz vor Lauenburg, wo sie auf die "Alte Salzstraße" trafen. Am Weg nach Billwärder endete einst der Hammerbrook, ein sich von Hamburg aus erstreckendes Marschgebiet.

 

Einige der Grundeigentümer des östlichsten Flurstücks konnten erforscht werden. Um 1346 war es die Familie Hetfelt, doch die folgenden Jahrhunderte liegen im Dunkeln. Ende des 17. Jahrhunderts erwarb es der angesehenen Hamburger Kaufmann Johann Clamer. Am Nordrand seines bis zur Bille reichenden Grundstücks ließ er ein einstöckiges Landhaus mit großzügigen Räumlichkeiten und rechts der Arealeinfahrt ein ebenerdiges errichten, beide mit Spitzdach. Am 11. Juli 1701 heiratete er Elisabeth Vegesack, doch das Haus wurde weiterhin nur als Sommersitz genutzt, entbehrliche Räumlichkeiten an einen Gastwirt vermietet. Der nannte sein Lokal "Letzter Heller", vermutlich weil seit 1687 gegenüber ein Wachthäuschen mit Schlagbaum stand, wo alle Fuhrleute Wegegeld* entrichten mussten und somit fürs Trinken im Gasthaus kaum noch Geld besaßen. Später sprach man nur noch von der "Wache beym Letzten Heller". Den Wachtposten hatte Hamburg für notwendig erachtet, weil am 18. August 1686 unerwartet Truppen des dänischen Königs Christian V. vor Hamburg erschienen waren. Zwar konnte man den Angriff abwehren, doch wollte man zukünftig frühzeitiger warnen können. Nachdem aber der "Friede von Wien" den Deutsch-Dänischen Krieg am 30. Oktober 1864 beendet hatte, verlor das unterlegene Dänemark u.a. auch sein Herzogtum Holstein, das seit dem 14. August 1865 von Österreich verwaltet wurde. Am 9. Juni 1866 jedoch marschierten preußische Truppen in Holstein ein und vertrieben die Österreicher. Das ohnehin schon baufällige alte Wachthäuschen war nun bedeutungslos geworden. Auf der Horner Dorfkarte von 1868 ist es nicht mehr eingezeichnet.

 

*seit dem 1. Januar 1831 als "Chausséegeld" bezeichnet. Erster "Chausséegeld-Einnehmer" war Johann Heinrich Friedrich Bode (†1854), der in Nr. 50 wohnte. Der Heller geht übrigens auf den Ort Schwäbisch Hall zurück, wo die Münze im 13. Jahrhundert als "Haller Pfennig" geprägt wurde. Bis zur Einführung der Mark war es die kleinste Münzeinheit und entsprach einem halben Pfennig. Bereits im Jahre 1783 hatte ein Reisender notiert: „Über den Schiffbecker Berg nach Hamburg wandernd, erreicht man beim Schlagbaum am Letzten Heller eine schöne gepflasterte Landstraße“.

 

Doch zurück zum Ehepaar Clamer. Ihren ersten Sohn nannten sie Wilhelm (13.9.1706–21.9.1774), später einmal ein "höchstberühmter Kauf- und Handelsherr der kaiserlichen freien Reichsstadt Hamburg". Am 10. März 1750 wählte man ihn sogar zum Ratsherrn (genau an dem Tag, als die St. Michaeliskirche abbrannte) und später auch zum Landherrn von Hamm und Horn. Am 14. Mai 1734 heiratete er Anna Maria Boons, doch die starb am 18. Juli 1735, drei Tage nach der Geburt ihrer Tochter. Wilhelm Clamer heiratete dann noch einmal und zwar am 30. April 1737 Cäcilia Elisabeth Schlüter, deren Tochter jedoch schon bei der Geburt verstarb. Am 26. August 1738 wurde Guilliam (26.8.1738–7.6.1795) geboren, später in der Firma seines Vaters beschäftigt, die er im Jahre 1760 ganz übernahm. Nachdem er verstorben war, verkauften die Erben das Grundstück an den Oberalten Johann Anton Schmidt (21.4.1751–5.1.1828), den eine Hammerbrook-Karte des Deichinspektors H.W. Heydemann (†1820) aus dem Jahre 1806 ausweist. Die Gebäude auf der Flurkarte von 1751 sind dort nicht mehr eingezeichnet, dafür aber ein einstöckiges Haus mit drei Erkern im Spitzdach, das uns von einer Lithographie zu Zeiten des "Thiergartens" (1841–1845) bekannt ist. Es lag etwa vierzig Meter westlich des Wegs nach Billwärder. Anton Schmidt war seit dem 29. April 1777 mit Maria Dorothea Rücker verheiratet, Kind einer einflussreichen Hamburger Kaufmannsfamilie. ­Ihr Sohn verkaufte die Immobilie 1836 an Carl Heinrich Ferdinand Rochow und Wilhelm Kirchheim aus Wandsbek. Rochow et Kirchheim (laut Adressbuch) arbeiteten in der "Expedition der Journalière von Ham und Horn" am Platz neben der heutigen Hauptkirche Sankt Petri. Diese Journalière, ein von zwei Pferden gezogener Wagen, verkehrte seit dem 27. Juli 1835 zweimal täglich zwischen Hamburg und dem Letzten Heller. Mit ihr konnten jetzt auch einfache Bürger dem penetranten Gestank des engbebauten Hamburgs entfliehen, denn Abwässer und Fäkalien wurden ja noch in Gossen und Fleete entsorgt. Man kann sich leicht vorstellen, wie überfüllt es nun an Wochenenden im Gasthaus von Rochow und Kirchheim gewesen sein mag.

 

Als Rochow 1840 schwer erkrankte (er starb 1841, die Witwe zog dann nach Altona und Kirchheim eröffnete ein Daguerreotype-Atelier am Spielbudenplatz) entschlossen sich die Geschäftsleute, den Gasthof in Horn aufzugeben. Mit Schardel Heinrich Berg fanden sie einen aus Russland stammenden Interessenten, den die Adressbücher bis dato jedoch nie vermerkten. Da außerhalb der Stadttore lebende Personen seinerzeit nur selten erwähnt wurden, kann es durchaus sein, dass Berg aber schon in Horn gewohnt hatte, vielleicht sogar angestellter Wirt war. Wohl auch ermutigt durch die seit dem 28. Juni 1840 zweite Pferde-Omnibusverbindung nach Horn, ließ er an der Ostwand seines Lokals einen etwa 17x7 Meter großen Saal mit Spitzdach anbauen und das 287x108 Meter große Gesamtareal umfangreich gestalten, sodass er am 30. Mai 1841 (Pfingstsonntag) einen Tiergarten eröffnen konnte.

 

Alte Ansichten

 

Dieser zwei Hektar große Zoo war der erste für die Öffentlichkeit angelegte in Europa! Nur Wien und Paris besaßen noch ältere, die aber höfischen Ursprungs. Bei einem Eintrittspreis von acht Schillingen begann alles recht hoffnungsvoll, und Gastwirt Berg erwartete mit Spannung den nächsten Frühling und gute Geschäfte, denn viele neue Tierarten waren hinzugekommen. Vom 5. bis 8. Mai 1842 geschah dann aber das Unfassbare, als der "Hamburger Brand" mehr als ein Viertel des damaligen Stadtgebietes vernichtete. Folglich war der Tiergarten im Sommer nicht gut besucht und so sah sich Berg 1843 gezwungen, den Eintrittspreis zu halbieren. Im Hamburger Adressbuch jenes Jahres war Folgendes zu lesen:

"Die Bemühungen des Eigentümers sind bis jetzt eben nicht vom besten Erfolge gekrönt worden, weil die Witterung für den Aufenthalt im Freien keine günstige und einem häufigen Besuche hinderlich war. Dennoch muss jeder Unparteiische gestehen, Herr Berg hat schon sehr viel geleistet und zeigt fortwährend das löbliche Bestreben, das Institut mit neuen Exemplaren verschiedener Thiergattungen zu bereichern. Ein detailliertes Verzeichnis sämtlicher bemerkenswerter Vier- und Zweifüßler zu geben, gestattet der Raum nicht; wir beschränken uns daher auf folgende Fingerzeige: Das türkische Gebäude enthält eine reichhaltige Vögel-Sammlung wie Cardinalvögel, blaue Dohlen, javanische Sperlinge, Liebesvögel, viele Papageien etc., desgleichen Schlangen und Crocodille. Die Fasanerie bietet in zehn Gehegen eine herrliche Collection von Gold- und Silber-Fasanen, Perl- und spanischen Hühnern dar. Ein zweites geräumiges Gebäude ist für den Aufenthalt verschiedener Affen bestimmt sowie in kleinen Käfigen auch Waschbär, Murmeltier, Ichneumon, Zibetkatze u.a. mehr. Das große gotische Bauwerk umschließt die eigentliche Menagerie, die aber zurzeit noch wenig reichhaltig ist, und sich größtenteils auf Hyäne, Panther, Jaguar, Wolf und Bär beschränkt. Mehrere Gehege, Zwinger etc., welche malerisch im Garten verteilt sind, enthalten Lamas, verschiedene Exemplare in- und ausländischer Ziegen, australische Kasuare und Kängurus, astrachanische Schafe, das astrachanische Kamel etc. Auf dem in der Mitte des Gartens befindlichen Teiche ist eine Insel; beide werden durch eine Menge verschiedenartiger Schwimmvögel, größtenteils ausländischen Ursprungs, belebt. Und der Pelikan spielt hier die Hauptrolle. - Speciellere Auskunft gibt der Catalog "Führer durch den Zoologischen oder Thiergarten", welcher mit Sachkenntnis abgefasst ist und bereits seine dritte Auflage erreicht hat. Seine Vorderseite ziert eine fauchende Raubkatze. Omnibusse und Journalièren fahren sowohl von Hamburg als vom Letzten Heller während der Sommertage stündlich ab und befördern so die Frequenz, welche mit Frühlingsbeginn gewiss bedeutend zunehmen dürfte".

 

Leider aber kamen immer weniger Besucher und so musste Schardel Heinrich Berg seinen Tiergarten nach der Sommersaison 1845 schließen. Aus Altersgründen übergab er das Grundstück an den Makler Harry Lipschütz, der es in einer Anzeige vom 5. März 1847 zum Verkauf anbot. Bis 1854 ist Berg dann nur noch als Bewohner von Nr. 41 im AB vermerkt, soll dann in seine russische Heimat zurückgekehrt sein.

 

Nachfolgende Wirte waren von 1849–†1855 Gustav Carl Börner und dann H.F.C. Behrens. Aus den Jahren 1857/58 ist bislang niemand bekannt.

 

Nach Umbau des ehemaligen Gasthofs "Letzter Heller" eröffnete am 18. Mai 1859 (Mittwoch) Johann Heinrich Kleindiecks ein neues "auf's eleganteste decorirte und eingerichtete Etablissement", das er Conversations-Haus nannte, zu dem aber auch sein "Hotel Garni", gehörte. Sein Inserat in den "Hamburger Nachrichten" warb nicht nur für ein allsonntägliches "Thable d'hôte" (Mittagsmenü) um 17 Uhr, sondern auch für "Déjeuners, Diners und Soupers" zu jeder Tageszeit. Außerdem sollten mittwochs und sonntags Konzerte renommierter Kapellen stattfinden. Für sein Hotel bot Kleindiecks die Vermietung mehrerer möblierter Zimmer an. Im Jahre 1861 gab er Etablissement und Hotel aus bislang unbekannten Gründen auf. Seit 1863 bis zu seinem Tod im Jahre 1869 arbeitete er in Hamburg als Haus- und Versicherungsmakler.

 

Der Name "Letzter Heller" tauchte erst wieder 1862 auf, als F.G. Meyn Wirt wurde (vorher wohnhaft an der Marienstraße Nr. 10). Von 1865–1868 stand H.G.R. Schrader als Gastwirt in den Adressbüchern, doch die 1868 herausgegebene Karte der Vogtei Horn weist kein Gebäude bzw. die Hausnummer 40 aus, und auch Schrader findet man fortan nicht mehr.  Gleich danach wird aber ein neues Haus errichtet worden sein, denn im Adressbuch von 1869 steht wieder die Nr. 40, allerdings nicht mit einem Wirt, sondern dem Bleicher J.F. Holdmann als Bewohner (vorher in Nr. 7). Im Herbst war auch noch August Friedrich van Scherpenberg von der Englischen Planke Nr. 18 hierhergezogen, um die Tradition der Gastwirtschaft "Letzter Heller" fortzusetzen. Leider ist uns kein Bild des Hauses überliefert. Im Jahre 1876, als "Perez Bloch & David Martienssen" Grundeigentümer geworden waren, hatte Carl Cornehls das Lokal übernommen, vorher Betreiber eines Restaurants nebst Austernkeller am Jungfernstieg Nr. 10. Im Jahre 1879 war dann Friedrich Johann Heidtmann neuer Wirt geworden, der noch eine Herings- und Austernhandlung am Dornbusch Nr. 6 besaß. Nachdem die Brüder Emil & Ludwig Stockmeyer die Immobilie Im Frühjahr 1881 erworben hatten, übernahm Heidtmann ein Kellerlokal am Jungfernstieg Nr. 11.

 

Emil Stockmeyer hatte seit 1877 eine Bäckerei am Steindamm Nr. 76 in St. Georg besessen, doch Bruder Ludwig war weder vorher noch später in den Adressbüchern aufgetaucht. Noch im Frühjahr ließen die beiden ein zweistöckiges Hotel errichten und nannten das Gesamtobjekt nebst Festhalle und großem Außenbereich "Horner Park", ein Vergnügungs-Etablissement, das schon zur Sommersaison 1881 eröffnet werden konnte und seinerzeit als das größte Hamburgs galt. Den traditionsreichen Namen "Letzter Heller" hatte im selben Jahr der Gastwirt Heinrich Siemers übernommen. Sein Lokal lag einhundert Meter weiter nordöstlich an der Horner Landstraße Nr. 355.

 

Im "Horner Park" fanden Volks-, Tanz- und Kinderfeste statt, sowie sonntags und mittwochs Vorstellungen im Theatersaal. Für sonntags, mittwochs und freitags plante man Konzerte und allsonntäglich einen "Großen Ball" in der Festhalle. Stockmeyer warben mit 26 Fremden- und mehreren Clubzimmern, Billard, zwei guten Kegelbahnen, Stallungen für dreißig Pferde und zwölf Boxen für Rennpferde.

Schon 1882 übernahm aber Wilhelm Sträter die Immobilie, vorher Besitzer eines Delikatessen- und Frühstückslokals an der Fuhlentwiete Nr. 92. Warum die Brüder Stockmeyer so schnell aufgaben ist nicht überliefert. Möglicherweise war es doch recht schwierig, einen derart großen Betrieb rentabel zu führen, zumal alle Veranstaltungen im Außenbereich wetterabhängig waren. Weitere rasche Gastwirtwechsel bestärken diese Vermutung, denn auch Wilhelm Sträter gab bereits 1884 auf, um fortan ein Lokal am Valentinskamp Nr. 31 in Hamburg zu bewirtschaften. Dabei schrieben die "Hamburger Nachrichten" noch am 17. Juli 1882:

„Der Horner Park, vormals Letzter Heller, welcher bekanntlich vor einiger Zeit in den Besitz des Herrn Wilhelm Sträter übergegangen ist, übt jetzt noch in erhöhtem Maße seine Anziehungskraft auf das vergnügungslustige Publikum aus. In dem prächtigen Saal des Etablissements wurde trotz 26 Grad Réaumur (32,5° Celsius) fleißig das Tanzbein geschwungen. Im Garten concertirte eine vortreffliche Militair-Capelle. Die Restauration des Herrn Sträter wurde stark in Anspruch genommen; dieselbe darf als durchaus zufriedenstellend bezeichnet werden. Am 14. und 16. Juli trat der bekannte Schnell- und Dauerläufer Adolf Dibbels auf“.

Nach Wilhelm Sträter kam Bernhard Wahlen und schon 1885 H.H.F. Singelmann. Im Jahre 1893 wurde Johann Wilhelm Kück Grundeigentümer, der den Barbier T.H. Ernst als Wirt einsetzte. 1897 übernahm Albert Krohn das Etablissement und ab 1902 der Mineralwasserfabrikant Georg Schaardt. 1898 war der Raum hinter den östlichen drei Bogenfenstern des großen Saals zu einem Ladengeschäft umgebaut worden, in das der Fischhändler August Klohs (†1900) einzog. Erst 1903 wurde der Laden wieder vermietet und zwar an Franz Steinfatt, der hier bis 1924 Tabakwaren verkaufte. Sein Nachfolger wurde 1925 Christian Kühl, der das Geschäft 1936 an seinen Sohn Franz übergab. Nach der Ausbombung führte er den Tabakladen auf der gegenüberliegenden Seite in Nr. 339 fort. Im Jahre 1909 erwarb Carl Hugo Alex den "Horner Park" und bewirtschaftete ihn zusa­­­mmen mit Ehefrau Anna Georgine Juliane, geborne Rathmann. Der gelernte Gelbgießer war zuvor Zigarrenhändler an der Lindenallee Nr. 54 in Hamburg-Eimsbüttel, wo auch die sechs Töchter zur Welt kamen. Im Jahre 1920 verkaufte er den "Horner Park" an Georg Demuth und zog nach Neuschönningstedt in sein neuerworbenes Haus. Eine der Töchter, die am 9.2.1896 geborene Martha Caroline, zog 1958 ins Haus ihrer Eltern. Auch sie hatte um 1919 mit ihrem Ehemann in Horn gewohnt und zwar an der Bobergerstraße Nr. 1. Die Immobilie beim Letzten Heller nannte der neue Eigentümer fortan "Hamm-Horner Gesellschaftshaus". In Zeitungsanzeigen um 1926 pries er es als "Hamburgs schönstes Ball- und Gartenlokal" und als "Treffpunkt aller Freunde des Fußballsports", denn für Wacker 04 war es auch Vereinslokal, in dem man oft das Lied von der "Horner Sonne" sang, das heute aber wohl keiner mehr kennt. Im Jahre 1928 wurde Rudolf Neubeyser neuer Betreiber und nannte den historischen Ort jetzt "Horner Volkspark". Am 24. August 1929 war hier wieder ein "Mordsbetrieb", wie einer Postkarte zu entnehmen, die ein Vater an seinen Sohn Paul Lewald ins Kinderheim Wyk auf Föhr schickte. Unterschrieben hatten auch der Lehrer Paul Möhring und Schulleiter Peter Hähne, die ebenfalls am Volksfest teilnahmen, denn auf dem Programm stand auch "Schüler-Singen" und "Schüler-Turnen". Seinen "Horner Volkspark" nannte er seit 1935 "Hamm-Horner Gesellschaftshaus". Letzte Wirtschafterin von 1941 bis zur Ausbombung im Juli 1943 war Hildegard Jalant. Neubeyser wohnte von 1932 bis Ende der 1960er Jahre in einer vom Krieg verschonten, 1894 errichteten Villa an der Ritterstraße Nr. 151, zuletzt als Steuerbevollmächtigter.

 

 

Auf dem Areal des zerstörten Gesellschaftshauses standen seit 1949 kleine Behelfshäuser mit den Hausnummern 326–330: In Nr. 326 befand sich seit 1949–1953 eine Außenstelle der KPD für den Stadtteil Horn und seit 1952 die Autoreparatur und Henschel-Vertragswerkstatt von Ernst Saubert, der 1953 mit seinem Geschäft an den Horner Brückenweg Nr. 10 zog. In Nr. 328 besaß Georg Krüger seit 1949 eine Hundehandlung mit der er 1953 an die Weddestraße Nr. 37 zog, und in Nr. 330 eröffnete Hertha Albrecht 1952 eine Seifenhandlung. Sie zog 1954 in den ersten Stock des Neubaus Nr. 328.

 

Nachdem Friedrich Maschmann aus der Wagnerstraße Nr. 9 zwei Drittel des Areals vom Staat erworben hatte, auf dem einst das "Gesellschaftshaus Neubeyser" stand, ließ er dreistöckige Wohnhäuser mit zusätzlichen Wohnungen im Dachgeschoss und je zwei Ladengeschäften errichten, die 1954 bezogen werden konnten. In Nr. 328 eröffnete Julius Busch eine Filiale seiner Bäckerei und in Nr. 330 Heinrich Boye ein Lebensmittelgeschäft sowie Magdalene Römhild eine Textilfiliale. Im Jahre 1956 eröffnete Gisela Bohnsack im Haus eine Gaststätte, die "Horner Eck" hieß und viele Wirtswechsel erleben sollte.

 

Postkarten-Collage

 

Zwei Fotos zeigen die Endstation der Straßenbahnlinie 24 (später auch der 22 und 11) am "Weg nach der Blauen Brücke".

Den "Horner Park" betrat man rechts neben dem Wohnhaus, das bis 1892 Hotel und Pension war. Im flachen Anbau befand

sich der Festsaal. Die Gastwirtschaft von Heinrich Rethwisch stand direkt an der Straßenbahn-Endstation gegenüber dem

Weg nach Billwärder, einst auch "Weg nach der Blauen Brücke" genannt.

 

Gastwirtschaft am Brückenweg

 

Auf einer Karte vom 11. Oktober 1770 ist hier, an der Ostecke zum Weg nach Billwärder, "Clamer's Garten" eingezeichnet, jedoch noch ohne Gebäude. Gleich dahinter verlief die Grenze zur holsteinischen Dorfschaft Schiffbeck. Das Haus auf einem 525 qm großen Grundstück hatte Johann Heinrich Wilhelm Meyer 1856 errichten lassen. Er wollte hier aber nicht wohnen, sondern nur vermieten. Im Jahre 1881 hatte Meyer sich entschlossen, die Eckwohnung im Erdgeschoss zu einer Gastwirtschaft umzubauen, in der er bis zu seinem Tod 1891 auch selbst Wirt war, anschließend die Witwe. Eine Hausnummer war erst am 9. Mai 1888 erteilt, nachdem in den Hamburger Adressbüchern immer nur "Beim letzten Heller" gestanden hatte. Im Winter 1893/94 ließ sie an der Westseite des Hauses eine Veranda anbauen, die das Gastzimmer vergrößern sollte. Am 30. September 1895 erwarb A. Ludwig Post die Immobilie. Er ließ das Fachwerk zur Hornerlandstraße durch eine massive Mauer ersetzen und an der Südseite des Hauses ein "Closet und Pissoir" anbauen. In der ersten Etage vorn wohnte Schramm und hinten der neue Gastwirt Hermann Köhler. Im Jahre 1897 erwarb Johann Jacob Friedrich Albert Simon die Immobilie und war dann auch Gastwirt, bis Adolph Schmahl das Lokal 1909 übernahm. Nach einigen Umbauarbeiten im Frühjahr 1914 stand nun "Gastwirtschaft und FrühstücksLokal" an der weißgemalten Hausfront. 1921 wurde Eugen Steuber neuer Gastwirt, doch schon im Jahr darauf Carl Krempe. In den Jahren 1923–1925 stand "Großdestillation Heinrich Toosbuy" in den Adressbüchern, anschließend von Fritz Bohr übernommen. Schon im Herbst 1926 war hier wieder eine ganz normale Gastwirtschaft, der Johannes Peter Hinrich Hagenah mit "Horner Grenzhaus" erstmals einen Namen gab. Auf die weiße Frontwand hatte er Fachwerk malen lassen, damit das siebzig Jahre alte Haus etwa wieder so aussehen sollte wie einst zur Dorfzeit. Am 19. Juni 1929 verkaufte Hagenah die Immobilie für 45.000 RM an die Hamburger Finanzdeputation, wohnte hier aber bis noch zur Zerstörung 1943 als Mieter und Bewirtschafter des Lokals. Gleich nach dem Krieg übernahm er eine Gastwirtschaft an der Lutherstraße Nr. 2 in Harburg. Das Grundstück wurde erst wieder 1989 mit dreistöckigen Mehrfamilienhäusern bebaut.


Horn-Chronik (Textgrafik)