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Copyright:  Gerd Rasquin - April 2006, letztmalig bearbeitet im April 2016

 

 

 

 

 

 

 

Der Fotograf steht auf dem Kanonenweg, die Häuser liegen an der Horner Landstrasse.  Nahansicht der Karronade.

 

Gegenüber des heutigen Blohm's Parks führte bis 1929 ein kleiner Weg in die Marsch, an dem zwei alte Schiffskanonen (Carronaden) standen. Charles Gascoigne, von 1769 bis 1779 Manager der "Carron Iron Company" im schottischen Falkirk, hatte diesen Kanonentyp entwickelt, der erstmals 1775 gegossen und anfänglich "Gasconade" genannt wurde. Ihre Pulverladung war im Vergleich zu anderen Geschützarten kleiner, das Kugelgewicht im Vergleich zu Kanonen bei gleicher Rohrlänge aber größer. Aufgrund des niedrigen Gewichts benötigten die Carronaden nur drei Mann Bedienung, erzielten aber trotzdem eine beachtlich höhere Feuergeschwindigkeit als gewöhnliche Kanonen.

 

Die ab 1779 von den Engländern eingesetzten Carronaden waren ausgesprochene Nahkampfwaffen. Ihre höchste Wirksamkeit erzielten sie in der Kernschussweite. Das waren beim größten 68-Pfünder ungefähr 365 Meter und beim 12-Pfünder etwa 180 Meter, wobei der oben abgebildete 32-Pfünder (860 kg) am gebräuchlichsten war. Bei 1,22 m Länge wog er immerhin 860 kg. Diese Waffe wurde während der Seekriege zwischen England und Frankreich hauptsächlich vom Achterdeck der Kriegsschiffe aus eingesetzt. Statt einer massiven Kugel verschoss man mit ihr eine große Menge Musketen-Kugeln, die verheerend wirkten, oft mit einem einzigen Schuss den größten Teil der Oberdeck-Besatzung des gegnerischen Schiffes ausschalteten. Bereits im Englisch-Amerikanischen Krieg von 1812‒1814 bewiesen diese Geschütze aber ihren Nachteil gegenüber den langen Kanonen der Amerikaner, die viel weiter reichten. So wurden die Carronaden fortan gern auf Handelsschiffen eingesetzt, wo sie sich gegen Seeräuber äußerst wirkungsvoll erwiesen. Doch auch vor Villen und Landsitzen in ganz Europa standen später viele dieser ausgedienten Geschütze.

 

Wer aber hatte die Kanonen nach Horn gebracht?

 

Dazu eine nette Geschichte: Die Kanonen gehörten dem einstigen Grundbesitzer Christian Wilhelm Herwig, seit 1835 Eigentümer einer Essigbrauerei am Rödingsmarkt Nr. 37. Er besaß vier Schiffe, die Frisch, Fromm, Fröhlich und Frei hießen. Jedes Schiff böllerte mit einer Kanone, wenn es sich dem jeweiligen Zielhafen näherte. In den Jahren 1860/61 hatte sich Herwig an der Hammer Landstraße Nr. 51‒53 ein Landhaus errichten lassen, gleichzeitig aber auch ein Grundstück an der Horner Landstraße Nr. 85 erworben, nachdem die Witwe des Hamburger Kaufmanns Johann Martin Brauer (†1830) verstorben war, dem das Grundstück seit Ende des 18. Jahrhundert gehörte. Bekannt ist leider nicht, wann Herwig die Schiffskanonen nach Horn transportieren ließ.

 

Ein als Reitbahn bezeichnetes Strohdachhaus.  Als Kapelle bezeichnetes Haus.

 

Der kleine "Kanonenweg" führte übrigens weiter zur sogenannten "Reitbahn", die durch ihre ovale Bauart auffiel. Ehemals als Scheune dienend, hatte sie Herwig in den 1860er Jahren für seinen Enkel zu einer kleinen Reithalle ausgebaut. Auch das seltsame Haus daneben stammte von ihm. Wegen seiner Fensterformen wurde es in Horn scherzhaft "Kapelle" genannt, diente Herwig aber lediglich als Musterwerkstatt. Späterer Eigentümer ließ die "Kapelle" zum Wohnhaus umbauen und vermieten. Die Aufhöhung der Marsch erforderte 1929 den Abbruch beider Gebäude und auch der "Kanonenweg" verschwand.

 

Doch wo blieben bloß die Böller...?

Wiese im Blohm's Park.

 

An einem Sonntag im Jahre 1935 auf der Hangwiese im Blohm's Park.

Rechts neben den zwei weißgestrichenen Häusern führte einst der "Kanonenweg" in die Marsch.