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Copyright:  Gerd Rasquin  -  Dezember 2005, letztmalig bearbeitet im Juni 2016

 

 

 

 

 

 

 

Foto der alten Warteschule

 

Wieso steht am Anfang dieser kleinen Geschichte ein Foto des Schulhauses von 1780, die "Horner Warteschule" liegt doch heute neben der Pachthofschule am Bauerberg Nr. 38? Richtig, da steht sie seit 1896, ist heute sogar das weitaus älteste Gebäude an der Straße. Doch bereits zuvor gab es eine "Warteschule" und die befand sich hier, hinter Behrmann's Hof, in einem ans Alte Schulhaus von 1780 angebauten 6,70 x 2,80 Meter großen Holzschauer. Ein eigens dafür eingerichteter Verein hatte sie am 10. März 1886 gegründet und am 4. Mai eröffnet.

 

 

Johann Theobald Riefesell verdanken wir diese Bleistiftzeichnung vom 5.10.1892.

 

Die Leitung der Warteschule übernahmen die Geschwister Fräulein H. und Bruder A.J.C. de Bouck. Sie hatten bereits seit 1866 Lehranstalten an der Bankstraße, Repsoldstraße, Amsinckstraße und zuletzt Lorenzstraße in Hammerbrook geleitet.

 

Anfangs wurden 13 Kinder betreut, doch schon in kurzer Zeit war die Zahl der Schüler auf 32 gestiegen und viele weitere Anmeldungen sollten folgen. Die Kinder konnten zwischen 8 und 18 Uhr bleiben und bekamen um 13 Uhr ein Essen. Es bestand wechselweise aus Reis, Graupen mit Milch, Buchweizengrütze, Linsen, Fleischsuppe mit Kartoffeln, Hafergrütze mit Sirup, Brot und warmem Bier!

 

Diese Warteschule war aber nicht die erste in Horn. Schon 1854 hatte M. Drewes, Ehefrau des Polizei-Officianten Ludwig Friedrich Gotthelf Drewes, an der Horner Landstraße Nr. 54 eine solche Einrichtung eröffnet, die sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1881 an verschiedenen Orten in Horn betrieb.

 

Bereits vor 1800 gab es im Deutschen Reich Warteschulen, in Hamburg seit 1830. Das Hamburger Adressbuch vermerkte seinerzeit: Der Zweck dieser Anstalten ist, den Eltern, welche Tages über ihrem Erwerbe außerhalb des Hauses nachgehen müssen, die Sorge für die noch nicht schulfähigen Kinder von 2‒7 Jahren abzunehmen, sie unter gute Obhut und Leitung zu bringen, sie dadurch vor dem körperlichen Nachtheile und geistig sittlichen Schaden zu bewahren, denen sie sonst auf den Gassen der Stadt und in den Wohnungen ihrer Eltern, sich selbst überlassen, ausgesetzt seyn würden, und so eine Quelle vielfachen Elends, das aus einer vernachlässigten Pflege und Erziehung in den ersten Kinderjahren für das ganze Leben entspringt, zu verstopfen. Die Kinder werden, sobald sie einigermaßen sprechen und laufen können, in die Anstalt aufgenommen und bleiben darin, bis sie das für die Aufnahme in andere Schulen erforderliche Alter von 7 Jahren erreicht haben. Brot zum Frühstück und Vesper müssen sie mitbringen, für das nöthige Getränk und für ein gesundes, warmes Mittagessen sorgen die Schulen.

 

Nachdem die Oberschulbehörde das Alte Schulhaus im Oktober 1887 an die Kirche zurückgegeben hatte, konnte die Warteschule jetzt zusätzlich den ehemaligen linken Klassenraum nutzen. Nachdem am Bauerberg Nr. 38 auf 850 Quadratmetern Staatsgrund aber ein eigenes Gebäude entstanden war, brach man den provisorischen Holzschauer Mitte Februar 1897 ab. Am 13. Juni 1896 war Richtfest für die neue "Horner Warteschule", über deren Einweihung am 14. Oktober 1896 geschrieben wurde:

 

...sie fand heute Nachmittag um 3 Uhr unter zahlreicher Beteiligung von Gönnern und Freunden der Anstalt statt. Nachdem gemeinsam das Lied "Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren" gesungen war, betrat Herr Pastor Schetelig das Podium, um die Feier durch die Betrachtung des Bibelwortes "Lasset die Kindlein zu mir kommen" einzuleiten. Derselbe hob hervor, dass es gerade die Fürsorge für die kleinsten Kinder sei, wodurch erst der wahre Segen des späteren Unterrichtes erfolgreich gesichert werde und wie eben die kleinsten Seelen am empfänglichsten seien für die einfache Lehre vom Worte Gottes. Ein Gebet um den Segen des Höchsten für das aufblühende Unternehmen schloss die weihevolle Ansprache. Die Festrede hielt dann Schulvorsteher Gottschalck. Anschließend dankte Architekt Julius Faulwasser (1855-1944) im Namen aller Bauleute und führte die Besucher "in launiger Weise" durch die Räume des neuen Hauses. Zwischen den Reden erschollen wohlgeübte Chorgesänge von Kindern der Horner Volksschule und nach der letzten Ansprache zogen endlich die kleinen Warteschulkinder mit Bannern und Fähnchen feierlich in das neue Heim, welches sie dann auch ihrerseits durch freundlichen Chorgesang einweihten. Mit lebhaftem Interesse wurden die einzelnen Räume des durchweg sehr praktisch eingerichteten Hauses von der Versammlung in Augenschein genommen und alle schieden mit dem Bewusstsein, dass hier ein lebensfähiges und wohldurchdachtes Unternehmen gegründet sei, dem die fernere Unterstützung unserer Mitbürger hoffentlich nie fehlen wird.

 

 

Nach Um- und Ausbau wurde das Gebäude am 23. Mai 1922 zum Kindererholungsheim "Haus Gottschalck".

 

 

Am 31. März 1940 löste man den Verein "Warteschule in Horn" auf und führte das Haus weiter als Kindertagesheim, das maximal 60 Jungen und Mädchen Platz bot.

 

Die erste Kriegsnacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 verlief noch recht glimpflich, denn nur eine Brandbombe schlug bis ins Erdgeschoss durch, entzündete sich aber nicht. Weitere sieben Brandbomben fielen in den Garten. Ein zweiter Angriff verursachte schon größere Zerstörungen, weil in der Nähe einschlagende Sprengbomben so starke Druckwellen verursachten, dass Türen und Fenster samt Einfassungen herausgerissen wurden. Doch von all dem ist heute nichts mehr zu sehen. In Stein gemeißelt steht an der Außenwand immer noch "Horner Warteschule" und nach wie vor gilt:

 

Kinderlärm ist Zukunftsmusik! (Textgrafik)

 

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Horn-Chronik (Textgrafik)